Jede Zeit hat ihre Kunst. Dieser Satz war mir früher eine ständige Herausforderung. Ich wollte nicht die Musik vergangener Jahrzehnte nachahmen, auch wenn das Publikum mehrheitlich die älteren Stile im Jazz bevorzugte, so dass damals, in den fünfziger bis siebziger Jahren, selbst Amateurmusiker viel mehr Spielmöglichkeiten hatten als die Musiker, die sich den neuen Entwicklungen angeschlossen hatten.
Zu bedenken ist allerdings immer, dass jeder, ober er will oder nicht, auch die Vergangenheit in sich trägt. Das Neue ist ja niemals voraussetzungslos; es fusst auf den früheren Generationen, auch wenn man sich dessen nicht immer bewusst ist. Im Neuen ist also immer auch ein gut Teil Altes enthalten. Der Titel PAST AND PRESENCE, der auch als Motto des ganzen Albums dienen soll, möge diese Situation andeuten.
Die Musik, mit der der Pianist Cecil Taylor 1960 hervortrat, scheint mir zwar tatsächlich gänzlich voraussetzungslos, ohne Bindung an die Vergangenheit zu sein, und widerspricht damit meiner eben so selbstsicher aufgestellten These von der Vergangenheit in der Gegenwart. Sie hat damals auch mich gefangen genommen. Eine ganze Reihe von Jahren habe ich daran gearbeitet, mir die Taylorschen Techniken anzueignen, ihre Wertigkeit zu erproben, schliesslich auch Free Jazz-Protagonisten in unsere damalige Radio-Konzertreihe «Jazz Live» eingeladen. Auf der TCB-Serie, die ich für dieses Label aus unseren Radio-Konzerten produziert habe, nachzuhören. Und die Konzerte haben mir enorm Spass gemacht! Doch letztlich hat sich die Free-Musik mit der Zeit totgelaufen. Zuviel Freiheit tut dem Menschen nicht gut. Er braucht die Begrenzung, braucht Gesetze, um sich sinnvoll entfalten zu können. Taylors sicherlich bewunderungswürdiger Ausbruchsversuch aus den Regeln der Musik sichert ihm einen Platz in der Musikgeschichte, aber seiner Idee war keine Dauer beschieden. Man kann nicht ungestraft nahezu alle Elemente, aus denen die Musik besteht, als veraltet über Bord werfen. Es bleibt zu wenig zurück, um auf Dauer Ausgangspunkt einer neuen Richtung in der Musik zu werden.
An der Musik unserer Generation teil zu haben, war ein Ziel, dass wir mit unserer Gruppe Magog in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts verfolgt und wohl auch ein Stück weit erreicht haben. Meine Pressemappe aus diesen Jahren gibt dies recht deutlich wieder. Heute, in meinen späten Jahren, ist mir die Stilfrage nicht mehr so wichtig. Vielmehr möchte ich soweit als möglich meine eigene Musik schreiben und spielen, möglichst unabhängig von gängigen Trends und Stilen. Und wenn Free-Elemente und Melodisches dabei dicht neben einander stehen, so stört mich das nicht. Gegensätzliches zusammen zu bringen ist im Gegenteil für mich ein reizvolles Ziel, ohne deshalb doch ein Prinzip zu sein. Aber die Freiheit, harmonisch Fassbares und Nichtfassbares je nach Notwendigkeit nebeneinander und ineinander zusammen zu bringen, möchte ich mir nicht nehmen lassen.
Einige Worte zu den Stücken auf dieser sechsten Einspielung unserer Gruppe:
FROM MAJOR TO MINOR
Ein Zitat aus dem alten Evergreen «I’ll remember April». Von Dur zu Moll. Solange man sich in der tonalen Musik bewegt, kommt man um diese Gegebenheit nicht herum. Mein frühester Kauf in Sachen Jazz war eine EP, eine Schallplatte mit nur zwei Stücken. Die weltweit so enorm erfolgreiche Schlagersängerin Caterina Valente kam wie viele, ja fast alle Popularmusiker nach dem 2. Weltkrieg vom Jazz her. Zusammen mit dem jungen Trompeten-Star Chet Baker nahm sie neben einer Ballade auch diesen Titel auf. Die Musik kann ich auch heute noch mit der gleichen Freude hören wie damals. Die Texte kenne ich inzwischen fast auswendig. Past and Presence: zum Glück behalten die Spitzenwerke der Vergangenheit für immer ihren Wert, werden immer begeistern können.
NIX FÜR BIX
Der Trompeter Bix Beiderbecke war einer der ersten weissen Jazzmusiker, der seinen schwarzen Kollegen Paroli bieten konnte. Ich hatte immer eine gewisse Beziehung zu ihm, da seine Eltern aus Deutschland eingewandert waren. Früh dem Alkohol verfallen war sein Leben recht kurz. Aber ein prominenter Platz in der Jazzgeschichte ist ihm für immer geblieben. Unser Stück, 100 Jahre nach seinem Wirken geschrieben und gespielt, hat stilistisch mit seiner Musik nicht mehr viel zu tun. Und doch ist das Grundprinzip des Musizierens im Jazz durchaus immer noch das Gleiche wie damals zu seiner Zeit. Past and Presence: auch hier wird das Verhältnis von einst zu jetzt deutlich. Im Einzelnen geht es mir in dem Stück darum, in einem atonalen oder nahezu atonalen harmonischen Umfeld – das kann jeder Spieler für sich entscheiden - trotzdem Melodien erfinden zu können.
NO SONG FOR BARBRA
Die Sängerin Barbra Streisand ist für mich eine Jahrhunderterscheinung. Auf ihrem Gebiet wurde sie, meine ich, von niemandem erreicht. Ich höre ihre Aufnahmen mindestens ebenso gern wie die der zwei, drei grössten Jazzsängerinnen. Dieses Bekenntnis mag manchem Jazzfan sauer aufstossen. Ich kann es nicht ändern. Es ist die Qualität, die mich in Bann schlägt. Auf welchem Feld der Musik auch immer. Der Titel will nur besagen, dass dieses Stück für ihr Repertoire wenig geeignet wäre. Wir sind nun mal in einem anderen musikalischen Ambiente zuhause als sie, was aber die Bewunderung für sie nicht ausschliesst.
C.P. ONE
Das Stück gehört zu einer Reihe von schnellen Blues-Kompositionen, die ich durchnummeriert habe. «C.P.» steht für den grossen Charlie Parker, dem wir in unseren CDs mit diesen Stücken unsere Verehrung bekunden, ohne allerdings seinen Stil zu imitieren. Beboper waren wir alle nie. Dazu liegt Parkers kurze Lebenszeit doch zu weit zurück.
SAOSEO
Was für ein Wort! Sechs Buchstaben, vier davon Vokale und ein Konsonant, der zweimal vorkommt. Ich weiss nicht, was die Philologie dazu zu sagen hat, welche romanische Ursprache hier ihre Spuren hinterlassen hat. Mich fasziniert mehr das Musikalische daran, der Klangwert. Darüber hinaus ist der Saoseo-See im Val da Camp, einem Seitental des Valposchiavo in Graubünden, der vielleicht eindrucksvollste Bergsee, den ich in den Alpen je gesehen habe.
PAST AND PRESENCE
Wie eingangs schon angedeutet will das Titelstück ein Problem andeuten, dem wir heutigen Jazzmusiker gegenüberstehen. Wieweit soll die Vergangenheit in der Gegenwartsmusik erkennbar sein bzw. wie weit soll, wie weit kann man sich von der Tradition entfernen, ohne ganz den Zusammenhang mit der Jazzgeschichte zu verlieren. Mein Versuch, dieses Thema in Musik umzusetzen, erwies sich als recht schwierig. Mehrere Fassungen haben mich nicht zufrieden gestellt. Mal gerieten die Arbeiten zu konventionell, mal fand ich den Entwurf zu sperrig, zu abstrakt, ohne erkennbaren melodischen Eigenwert. Schliesslich kam ich zu dieser Lösung, die zwar eher dem «Past» als dem «Presence» verpflichtet ist, aber bei recht schnellem Tempo nicht zum Hindernislauf für die Improvisierenden wird.
AN HOMAGE TO VIOLA
Der Titel war ausnahmsweise zuerst da. Es sollte ein einfaches Stück werden, denn Viola, die Heldin aus Shakespeares Meisterkomödie «Twelth Night or What you Will», muss man sich sehr jung, vielleicht siebzehnjährig vorstellen. Doch mit diesem Vorsatz handelt man sich ein Problem ein, dem nur schwer zu entkommen ist: der Gefahr der Banalität. Entsprechend enttäuschend verliefen die Versuche, zu einer befriedigenden Lösung zu kommen. Eines Nachts wachte ich auf mit dem Beginn einer neuen Fassung im Kopf. Ich ging ans Instrument und nach kaum mehr als zehn Minuten hatte ich etwas auf dem Papier, das mir endlich akzeptabel vorkam. Die spätere Feinarbeit allerdings dauerte wie immer bei mir sehr viel länger. Viola findet sich zu Beginn in einer tragischen und schwierigen Situation, die in einer Komödie sich schliesslich doch glücklich auflöst. Die ursprüngliche Absicht, beide Seelenzustände in den wenigen Takten anklingen zu lassen, habe ich allerdings aufgeben müssen. Man sollte seine Grenzen nicht überschreiten.
ADDIO
Ein paar ganz persönliche Gedanken von dem, der die Seven Things seit rund 13 Jahren am Laufen hält, und nicht zuletzt sechs Mal mit diesen wunderbaren Musikern – und ebensolchen wunderbaren Menschen – im Studio versucht hat, seine kompositorischen Vorschläge in Musik zu verwandeln. Der Titel sagt einiges aus über diesen Gedanken. Doch weiter zum nächsten Stück:
THREE FOUR FOR SEVEN THINGS
erklärt sich selbst: ein Stück im Dreivierteltakt. Noch besser klänge zweifellos THREE FOUR FOR FIVE. Aber ein Stück mit diesem Titel haben wir bereits auf unserer CD «Kings and Illusions» (TCB 36702) eingespielt. So muss es nun dieser Titel tun.
FINISSIMO
Es wäre wohl nicht ganz unrealistisch, die Möglichkeit ins Auge zu fassen, dass diese CD, unsere sechste, zugleich auch die letzte Veröffentlichung unserer Gruppe Seven Things sein könnte. Pläne und Skizzen für eine weitere Scheibe meines Jazz Live Trios, einst Haustrio des Schweizer Radios SRF, lang lang ist’s her, stehen zwar durchaus im Raum, aber auch das Quintett ein siebentes Mal ins Studio zu bringen, das kann ich mir, rein biologisch gesehen, im Augenblick nicht vorstellen. Und somit findet auch dieser Titel seine Erklärung. Das geflügelte Wort, man solle nie nie sagen, kann den Verfasser im Augenblick noch im seelischen Gleichgewicht halten. Zudem gilt ja auch der Satz: kommt Zeit, kommt Rat.
Klaus Koenig