Für manche Musiker ist Joe Zawinul ein Vorbild, für andere bildet er die Grundlage ihrer Musik. Paul Urbanek gehört eindeutig zur letzteren Gruppe. Seine Verbindung zu Zawinuls Welt besteht nicht darin, Licks zu kopieren, denn dieser typische Bebop-Ansatz wäre bei Zawinuls Musik fast unmöglich. Es handelt sich vielmehr um eine subtilere, tiefere Auseinandersetzung, die über Jahrzehnte hinweg gepflegt wurde.
Paul Urbaneks Verbindung zu Zawinuls Universum ist auch persönlicher Natur. Er begegnete Joe mehrfach und spielte fünfzehn Jahre lang mit dem Gitarristen Alegre Corrêa, der zur letzten Besetzung des Zawinul Syndicate gehörte. Wie bei vielem, was von Zawinul inspiriert ist, reicht manchmal ein Gefühl oder ein Eindruck völlig aus. Diese Erfahrungen versetzten Paul in eine sehr kreative Stimmung: Zunächst war es der Klang, dann die Kategorie. Obwohl er bereits mehrere Akustikalben veröffentlicht hat, ist dies das erste Mal, dass er dieses etwas unbekannte Terrain vollständig erkundet – weniger als Hommage, sondern vielmehr als echte Entdeckungsreise.
Es ist faszinierend zu hören, wie jemand seine Vorurteile gegenüber dem akustischen Klavier überwindet und sich den unbegrenzten Möglichkeiten des Synthesizers öffnet. Die Platte ist reich an Farben: mehrstimmiger Gesang, exotische Klangfarben, Feldaufnahmen und lebendig wirkende elektronische Texturen. Genau diese Freiheit und Ausdruckskraft ist es, für die diese Instrumente entwickelt wurden, jedoch nur selten genutzt werden. Die vierzehn Stücke sind neu geschaffene Improvisationen, die sich entwickeln, verändern und neu formen. Zu den Höhepunkten zählen das marokkanisch angehauchte 6/8-Stück „Ancient Tech“, der tonpoetische Fluss von „Unfolding“, die feurigen Soli in „Footsteps in the Temple“, die tranceartigen Texturen in „Ghost“ und die akustische Brillanz in „Bebop Leftovers“.
Seine schiere Kreativität am Keyboard wäre in einer kompletten Bandbesetzung möglicherweise untergegangen. Da er solo arbeitet, kann Paul Urbanek jede Nuance genau so einfangen, wie er sie sich vorstellt – das Album profitiert von dieser Klarheit. ZAWINULOLOGY verfolgt nicht die Oberfläche von Zawinuls Stil. Es kanalisiert den Geist dahinter: Originalität, Neugier und den Mut, Improvisation in Form zu bringen. Paul spricht diese Sprache fließend und nutzt sie hier, um etwas ganz Eigenes auszudrücken.
Liner Notes: Scott Kinsey
Paul Urbanek über "Zawinulology"
Alle Stücke sind ausgearbeitete Kompositionen, wobei die Orginalspur immer dabei ist.
Es ist nichts programmiert, alle Spuren sind mit Keyboards eingespielt, Schlagzeug
und Handrums sind bei einigen Stücken eine Mischung aus echten Handdrums oder
Drumset und auf den Keyboards gespielten elektronischen Sounds.
Diese Methode, Improvisationen so zu rekontextualisieren, daß etwas völlig Neues entsteht,
habe ich schon bei dem 2001 erschienenen und mit dem "Hans Koller Preis"
prämierten Album "The Hans Koller Concept" verwendet. Es ist keine
"Kompsitionsmethode" mehr, es ist einfach, wie ich Musik mache.
Für mich ist der Wechsel zwischen akustischem Piano und Keyboard ganz einfach, ich habe
von Anfang an, schon als ich noch ein Kind war, beides gespielt.
Hammondorgel, Fender Rhodes, Hohner Clavinet, die Synthesizer der pre-midi Generation bis
zu den aktuellen elektronischen Tools und immer auch akustisches Klavier.
Gerade weil die Musik von Joe Zawinul für mich so wichtig war und ist, habe ich lange gewartet,
um ein Statement zu setzen, daß seinen "Geist atmet" aber seine Musik nicht immitiert.
Es gibt keine neuen Interpretationen von Zawinul Kompositionen, "Zawinulology" ist
eine höchst persönliche Reflexion, nach 50 Jahren Inspiration durch das Werk dieses für mich
wichtigsten Musikers.
Das wichtigste Prinzip ist es, die musikalischen Sprachen verschiedener Musikformen so gut
zu verstehen, auch auf einer emotionalen Ebene, daß man sie an ihrer "Wurzel" verbinden kann,
als "DNA" von etwas Neuem.
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