Für Fred Frith ist die Gitarre nur der Ausgangspunkt. Sie ist eine Benutzeroberfläche, auf die er verschiedene Vorstellungen aufsetzt, die den Klang des Instruments um Effekte, Geräusche, Zerlegungen und Rekonstruktionen erweitern. Man kann das Avantgarde nennen, aber das trifft es nicht wirklich. Es sind eher Expeditionen in die Welt des Ausdrucks, in die Frith von einer Mischung aus Zweifel und Begeisterung getrieben wird. Und Spaß nicht zu vergessen, eine manchmal schon lausbübisch wirkende Lust am Entdecken unerwarteter Sounds und Tonkonstellationen. Damit schaffte es der Brite, der sich so ziemlich alles Musikalische selbst beigebracht hatte, nach den Art-Rock-Anfängen in seiner Heimat von 1978 an in die wilde Jazzszene von New York und rund zwei Jahrzehnte später als Professor ans Mills College in Oakland, Kalifornien, wo er bis 2018 unterrichtete.
Dieses weite Spektrum der künstlerischen Erfahrungen und Erlebnisse machte ihn auch zu einem Wunschkandidaten des Festivals „Look Into The Future“, das die Brüder Johannes Tonio und Cornelius Claudio Kreusch seit 2018 in Burghausen und dem benachbarten Kloster Raitenhaslach kuratieren. Ziel ist es, musikalische Perspektiven zu weisen, Stile zu verknüpfen und überhaupt die Blick über die engen Grenzen der einzelnen Klanggattungen hinaus zu öffnen. „Fred Frith“, meint Johannes Tonio Kreusch, „kannte ich schon seit dem genialen Porträt-Film ‚Step Across The Border‘. Eigentlich begleitet er mich und meine Arbeit seit der frühen Jahren an“. Im Mai 2024 war es dann soweit, dass der damals 75-jährige Experimentator beim Festivals zu Gast war und im Laufe der Konzerte nicht nur dem ebenfalls grenzgehenden Kollegen Stefan Micus auf der Bühne begegnete, sondern auch die Idee entstand, dass sich die Kreusch-Brüder und Frith für ein eigenes Projekt treffen könnten.
Gedacht, getan. Die Voraussetzungen waren günstig, weil Cornelius Claudio Kreusch in seinem eigenen Münchner Studio umgehend die passenden Arbeitsbedingungen für Musik und Aufnahmen schaffen konnte. Frith erschien am 21. Mai 2024 mit Gitarre und verschiedenen tonerzeugenden, zum Teil selbst entwickelten Gerätschaften, Electronics und Effektpedalen, die er zwanglos um sich als Arbeitsplatz verteilte. Johannes blieb mit seiner Nylon-Saiten-Gitarre in Sichtweite, Cornelius verschwand am Flügel mit und ohne Präparationen im Nebenraum und musste sich von dann an rein aufs Hören und Reagieren verlassen. „Für mich war es allerdings auch kaum anders“, erinnert sich Johannes an die Kommunikation im Studio. „Ich habe mich ganz auf die Musik und das Spontane konzentriert, was für mich als klassischer Gitarrist noch eine zusätzliche Herausforderung war. Aber es war berauschend!“
Denn was dann geschah, war auf feinsinnige Art magisch. Die drei Musiker überließen sich dem Flow der Klänge, improvisiert und offen. Es entstanden Stücke, die wie Wellen aneinander brandeten und ineinander flossen. Manches hatte meditative Tiefe, entwickelte sich über Bordun-Motiven und Ostinati. Anderes verdichtete sich zu Flächen, zu Klangkörpern, die wieder explodierten oder zerfielen, um in andere Konstellationen überzugehen. „Pink Neon“ entstand als festgehaltener Prozess des kreativen Austauschs, unterteilt in einzelne Episoden, die wie Songs wirken, aber letztlich akustische Momentaufnahmen des gegenseitigen Zuhörens und Reagierens sind. Wie immer bei Fred Frith macht es auch in der Kombination mit den Kreusch-Brüdern wenig Sinn, der Musik einen stilistischen Stempel aufzudrücken. Es ist von Vielem etwas, vor allem aber ein Beispiel für die kreative Gemeinsamkeit dreier starker künstlerischer Charaktere. Und für einen pink-neon leuchtenden Funken des akustisch Einmaligen an einem besonderen Tag im Mai 2024.
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