Mit „Baal und seine Gesänge“ sowie dem „Requiem für Rikke“ stehen zwei
zentrale Werke Friedrich Cerhas im Mittelpunkt, die exemplarisch für sein
musikdramatisches Schaffen und seine intensive Auseinandersetzung mit
den existenziellen Fragen des Menschen stehen.
Beide Werke zeigen
Friedrich Cerha
als
Komponisten, der Musik nicht als
abstraktes Klangereignis versteht,
sondern als eindringliche Reflexion über
Freiheit, Gewalt, gesellschaftliche
Zwänge und die Bedingungen
menschlicher Existenz. Seine Werke
verbinden höchste kompositorische
Präzision mit existenzieller
Ausdruckskraft und zählen zu den
bedeutendsten musikdramatischen
Schöpfungen der österreichischen
Moderne.
Cerha verstand seine großen
Bühnenwerke als Formen eines
modernen Welttheaters. Im Mittelpunkt
steht nicht die Illustration literarischer
Vorlagen, sondern die Untersuchung des
Spannungsverhältnisses zwischen
Individuum und Gesellschaft – eines
Themas, das den Komponisten seit den
frühen 1950er-Jahren beschäftigte. In
„Baal“, nach Bertolt Brechts frühem
Drama, findet diese Auseinandersetzung
ihre wohl radikalste Ausprägung.
Cerhas Baal ist kein romantischer
Außenseiter und kein revolutionärer Held.
Er verkörpert den kompromisslosen
Menschen, der sich gesellschaftlichen
Erwartungen und vorgegebenen
Lebensentwürfen verweigert. Getrieben
von einem unstillbaren Hunger nach
Leben und Freiheit, sucht er einen Ort,
„wo es besser zu leben ist“, und gerät
dabei immer tiefer in Isolation und
Untergang. Für Cerha wird Baal zum
Sinnbild eines Menschen, der die
Bedingungen für ein selbstbestimmtes
Leben nicht vorfindet und gerade an
dieser Unmöglichkeit zerbricht.
Die zwischen 1974 und 1980
entstandene Oper markiert zugleich
einen Wendepunkt in Cerhas
musikalischer Entwicklung.
Unterschiedliche kompositorische
Ebenen – Natur, Gesellschaft und
individueller Ausdruck – greifen
ineinander und bilden eine organisch
verwobene musikalische Sprache.
Klangflächen, dichte Tonfelder, komplexe
Polyrhythmik und expressive
Deklamation verbinden sich mit einer
Gesangslinie, die sich eng am natürlichen
Sprachduktus orientiert. Die Grenzen
zwischen Sprechen und Singen werden
dabei bewusst fließend gestaltet.
Die
Baal-Gesänge
, 1981 als eigenständiger Konzertzyklus zusammengestellt,
vereinen die zentralen musikalischen Nummern der Oper. Verbunden durch
instrumentale Zwischenspiele entfalten sie ihre Wirkung auch außerhalb des
Bühnenkontextes und eröffnen einen konzentrierten Blick auf die musikalischen und
dramaturgischen Schlüsselstellen des Werkes. Lieder wie die „Legende von der Dirne
Evelyn Roe“, das „Lied vom ertrunkenen Mädchen“, die „Arie des Bettlers“ oder das
„Lied vom Tod im Wald“ spiegeln Baals existenzielle Suche ebenso wie seine
unauflösliche Verbindung zur Natur und seine zunehmende Vereinsamung.
Das
Requiem für Rikke
entstammt Cerhas Oper „Der Rattenfänger“ und bildet den
zweiten Teil eines Triptychons für Tenor und Orchester. Die Totenklage gilt dem
lebenshungrigen Mädchen Rikke, das der Gewalt politischer und gesellschaftlicher
Macht zum Opfer fällt. Über das individuelle Schicksal hinaus versteht Cerha das Werk
als Klage über die unzähligen Menschen, deren Leben im Laufe der Geschichte im
Namen ideologischer oder politischer Interessen sinnlos vernichtet wurden.
Eingebettet in musikalische Szenen aus „Der Rattenfänger“ verbindet das Requiem
persönliche Trauer mit universeller Humanität. Ein choralartiges Zwischenspiel
verweist zugleich auf Hoffnung und Aufbruch: Es begleitet jene jungen Menschen, die
die Welt ihrer Eltern verlassen, um nach einer lebenswerteren Zukunft zu suchen.
Über Friedrich Cerha
Friedrich Cerha
wurde 1926 in Wien geboren. Schon vor
Abschluss des Gymnasiums leistete er als Luftwaffenhelfer aktiven
Widerstand, desertierte zweimal von der deutschen Wehrmacht
und erlebte das Kriegsende als Hüttenwirt in den Tiroler Bergen.
Ab 1946 studierte er an der Akademie für Musik in Wien Violine,
Komposition und Musikerziehung sowie an der Universität Wien
Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie.
Zunächst war er als Geiger tätig und stand einerseits in engem
Kontakt zur avantgardistischen Untergrundszene junger Maler und
Literaten rund um den Art-Club, andererseits zum Schönberg-Kreis
der österreichischen Sektion der IGNM.1958 gründete er
gemeinsam mit Kurt Schwertsik das Ensemble „die reihe“, das in
den folgenden Jahren Pionierarbeit bei der Aufführung von Werken
der Avantgarde, der Zweiten Wiener Schule und der klassischen
Moderne leistete.
Von 1959 an lehrte Friedrich Cerha an der Hochschule für Musik
in Wien, wo er von 1976 bis 1988 eine Professur für Komposition,
Notation und Interpretation Neuer Musik innehatte. Von 1960 bis
1997 war er als Dirigent mit renommierten Ensembles und
Orchestern bei international führenden Institutionen für Neue
Musik sowie bei bedeutenden Festivals tätig, darunter die
Salzburger Festspiele, die Berliner Festwochen, die Wiener
Festwochen, die Biennale Venedig, der Warschauer Herbst, das
Festival d’Automne in Paris, das Jyväskylä-Festival, Musica Viva
München, Nutida Musik Stockholm, Neues Werk Hamburg und
Musik der Zeit Köln. Darüber hinaus dirigierte er an bedeutenden
Opernhäusern wie den Staatsopern in Wien, Berlin und München
sowie am Teatro Colón in Buenos Aires.
Mit der Herstellung einer spielbaren Fassung des dritten Aktes von
Alban Bergs Oper „Lulu“ (1963–1978, Uraufführung 1979 in Paris)
erschloss Cerha der Musikwelt eines der bedeutendsten
Opernwerke des 20. Jahrhunderts und erlangte damit
internationale Anerkennung. Zu seinen eigenen Opern zählen
„Baal“, uraufgeführt 1981 bei den Salzburger Festspielen, „Der
Rattenfänger“ (1987, Steirischer Herbst), „Der Riese vom
Steinfeld“ (2002, Wiener Staatsoper) sowie „Onkel Präsident“
(2013, Prinzregententheater München). Alle seine Bühnenwerke
thematisieren auf unterschiedliche Weise das ihn zeitlebens
beschäftigende Verhältnis von Individuum und Gesellschaft.
Sein Gesamtwerk umfasst Solo-, Ensemble-, Chor-, Orchester- und
Bühnenwerke. Er erhielt Aufträge von zahlreichen bedeutenden
Institutionen und Festivals, darunter die Koussevitzky Foundation
New York, BNP Paribas Paris, der Südwestfunk Baden-Baden, der
Westdeutsche Rundfunk, Musica Viva München, das Konzerthaus
Berlin, der Steirische Herbst Graz, das Festival de Música de
Canarias, das Konzerthaus Wien, der Musikverein Wien sowie die
Wiener Philharmoniker.
Für sein Schaffen wurde Cerha vielfach ausgezeichnet. Zu seinen
wichtigsten Ehrungen zählen das Österreichische Ehrenzeichen für
Wissenschaft und Kunst (2006), der französische Orden „Officier
des Arts et des Lettres“, der „Goldene Löwe“ der Biennale Venedig
für sein Lebenswerk, der Musikpreis Salzburg (2011) sowie der
Ernst von Siemens Musikpreis (2012).
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