GleAM Records präsentiert mit „Kaveriot Korridor“ das Debütalbum des französischen Trompeters Jean-Baptiste Rousseaux. Auf dem Album ist Rousseaux in einem Trio mit Konrad Waldert am Bass und Gianbattista Di Genio am Schlagzeug zu hören, darüber hinaus wirkt der kanadische Gitarrist Alex Goodman – einer der gefragtesten Gitarristen der heutigen New Yorker Jazzszene – bei zwei Titeln als Gast mit.
„Kaveriot Korridor“ entstand zum Großteil während einer dreiwöchigen Reise durch Weißrussland. Das Trio-Format – ohne harmonisches Instrument (mit Ausnahme der Titel mit Gitarre) – bietet jedem Musiker großen Freiraum und fördert den Dialog und die Interaktion. Die von den drei Instrumenten erzeugten Frequenzen schaffen ein feines klangliches Gleichgewicht, das subtile Details hervorhebt. Innerhalb dieser besonderen Ästhetik werden die Kompositionen wie eine Erzählung, fast wie ein Märchen interpretiert und bewegen sich durch virtuose Trompetenpassagen, optimistische wie tragische Balladen und einfache, zarte Melodien, die manchmal fast unschuldigen Charakter haben.
Biografie Jean-Baptiste Rousseaux
Jean-Baptiste Rousseaux ist französischer Trompeter, Musiker und Komponist. Er wurde 2001 in Clermont-Ferrand in eine Musikerfamilie hineingeboren, entdeckte im Alter von sechs Jahren die Trompete für sich und absolvierte später ein Studium sowohl in klassischer Musik als auch im Jazz. Schon in seiner Jugend verschaffte ihm sein bemerkenswertes musikalisches Talent die Gelegenheit, mit führenden Persönlichkeiten der französischen Jazzszene wie Ibrahim Maalouf, Franck Nicolas und Raphaël Imbert aufzutreten. Er studierte an der Musikschule von Chamalières sowie an den Konservatorien von Clermont-Ferrand und Vichy, schloss sein Studium als klassischer Trompeter mit Auszeichnung ab und erwarb 2019 sein DEM-Diplom. Nach seiner Begegnung mit dem renommierten Jazztrompeter Jim Rotondi zog er nach Österreich, um bei ihm an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz zu studieren.
Nach seinem Bachelor-Abschluss im Jahr 2023 begann er ein Masterstudium in Komposition bei Ed Partyka Für seinen Abschluss in diesem Jahr komponierte Rousseaux eine ambitionierte, groß angelegte Suite, die Elemente der klassischen Musik und des Jazz vereint. Während seines Studiums in Österreich vertrat er die Universität für Musik und darstellende Kunst Graz beim internationalen Jazz-Treffen der International Association of Schools of Jazz in New York sowie zweimal beim internationalen Treffen junger Jazzmusiker „More Than Jazz“ in Udine. Neben zahlreichen Konzerten in ganz Österreich und Europa war er 2024 Finalist beim Jazz Comp Graz. Im Jahr 2025 erhielt er zwei DownBeat Student Music Awards für seine Kompositionen in den Kategorien „Large Ensemble“ und „Small Ensemble“. Im selben Jahr wurde ihm der 3. Preis in der Jazz-Kategorie des Ryan Anthony Memorial Trumpet Competition in Salt Lake City, USA, verliehen. Eines seiner wichtigsten künstlerischen Projekte ist das Jean-Baptiste Rousseaux Trio. Das vorliegende Album ist die Debüt-Aufnahme des Trios und bietet einen ersten Einblick in Rousseaux’ musikalisches Universum. Er ist zudem Mitglied des Quintetts Handmade unter der Leitung des serbischen Akkordeonisten Marko Živadinović und tritt mit dem Styrian Improvisers Orchestra auf.
Stückbeschreibungen
Airegin
Eine Neuinterpretation der berühmten Komposition von Sonny Rollins. Man könnte sogar von einer „Neukomposition“ sprechen, soweit wie sich diese Version bewusst vom Original entfernt. Von der ursprünglichen Melodie sind nur noch Fragmente übrig geblieben, während die Form, der harmonische Rahmen für die Improvisationen und die Gesamtstruktur überarbeitet wurden. Besonderes Augenmerk wurde auf die kontrapunktische Gestaltung zwischen Trompete und Bass gelegt, wodurch ein kontinuierlicher Dialog zwischen den beiden Stimmen entsteht. Das Stück ist eine Hommage an die große Jazztradition der 1950er Jahre und verfolgt gleichzeitig einen persönlichen Ansatz, der von Einflüssen der klassischen Komposition geprägt ist.
Degab
Dieses besondere Stück entstand bei einem Besuch in einer Kirche in Weißrussland, wo die Melodie in einem Moment stiller Kontemplation fast wie von selbst zu entstehen schien. Die Atmosphäre ist edel und feierlich. Sie beschwört jene besondere Schönheit herauf, die aus einer Tragödie entstehen kann – das Gefühl, das manchmal nach einem tragischen Theaterstück oder einer Oper nachklingt: eine tiefe Emotion, in der Schwere und Erhabenheit nebeneinander stehen. Der Titeltrack ist von einer Kindheitserinnerung inspiriert: dem Bild eines alten Steinkorridors, der etwas versteckt in einem Schloss liegt. Hier wird der Korridor zur Metapher – zum Durchgang für Erinnerungen, Ideen, Begegnungen und das Leben selbst. Es ist ein Korridor der Zeit, in dem die Jahre wie ferne Schritte widerhallen und allmählich zur Entstehung dieses ersten Albums führen.
Interlude – Clotilde
Das Gedicht „Clotilde“ von Guillaume Apollinaire dient hier sowohl als Zwischenspiel als auch als Einleitung zum folgenden Stück. Wie viele von Apollinaires Gedichten strahlt es eine traumhafte und leicht unwirkliche Atmosphäre aus. Dieses Gefühl für das Poetische und Surreale bildet einen der zentralen Fäden des gesamten Albums.
Lyre Koliocienne
Aus dem poetische Zwischenspiel führt das Album in einen Titel, der eine persönliche Adaption des russischen Begriffs „kolyosnaya lira“ ist, zut deutsch„Drehleier“. Die Komposition knüpft an die Tradition dieses alten Instruments an und versucht seinen russischen Namen herauf zu beschwören. Im weiteren Sinne ist sie eine Hommage an die Klangwelt der Drehleier und an die traditionelle Musik Zentralfrankreichs. Darüber hinaus greift das Stück Kindheitserinnerungen auf: an dieses seltsame und faszinierende Instrument, dessen Oberteil oft aus Holz geschnitzt und manchmal wie eine menschliche Büste geformt ist. In der Mitte des Stücks bietet die Trompetenkadenz – aufgebaut um einen tiefen, wiederkehrenden Ton – eine moderne Interpretation des Borduns, der traditionell auf der Drehleier gespielt wird.
Sileok
Ein leichtes und verspieltes Stück voller Überraschungen, das sich um einen wiederkehrenden, traditionell anmutenden Refrain dreht. Die kontrastierenden Abschnitte wagen sich in virtuosere und unerwartete musikalische Gefilde. Nach den Soli entfaltet sich die Musik mit weiteren Überraschungen: Loops, Energieschübe, plötzliche Stopps und Momente von auffallend lyrischer Melodie folgen aufeinander und schaffen eine sich ständig wandelnde musikalische Landschaft.
Là Où Les Toits Sont Bleus
Der Titel bedeutet wörtlich „Dort, wo die Dächer blau sind“. Er geht auf eine Beobachtung während der Reise nach Weißrussland zurück, auf der ein Großteil des Albums entstanden ist. In vielen Städten und Dörfern dort erscheinen die Hausdächer oft in Blau- oder Grüntönen – weitaus häufiger als in anderen Teilen Europas. Aus dieser einfachen Beobachtung und aus den von diesen Farbtönen geprägten Stadtlandschaften entstand eine heitere und unbeschwerte Melodie.
Emmêlées Ancolies
Als ältester Titel des Albums, während des ersten Lockdowns im Zuge der COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 enststanden. Die Aufnahmen im Rahmen des Albums boten die erste Gelegenheit, ihn in einem Live-Musiksetting zu hören. Die Gitarre von Alex Goodman verleiht dieser Version eine besonders ausgeprägte Identität.
Duo Grave alla Rava
Diese Ballade ist dem großen italienischen Jazztrompeter Enrico Rava gewidmet. Nach einer eindrucksvollen Einleitung von Alex Goodman entfaltet sich eine fast träge und lyrische Melodie. Die Musik mündet dann in einen Dialog: Bass und Gitarre improvisieren abwechselnd, wodurch sich das Stück in einer nachdenklichen und intimen Atmosphäre entfalten kann.
Goodbye
Dieses Stück von Gordon Jenkins, das zu einem Jazz-Standard geworden ist, wurde hier für zwei nacheinander eingespielte Trompetenstimmen arrangiert. Das Ergebnis ist ein ehrlicher Dialog zwischen den beiden Stimmen. Diese Fassung ist Jim Rotondi gewidmet.
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